Im Dunklen stehe ich am Morgen früh auf. Die Tage sind wieder merkbar kürzer und draussen ist es morgens ein wenig frisch.
Heute laufe ich nach fast elf wettkampffreien Monaten wieder einmal einen Berglauf. Ich habe keine Ahnung, wo ich leistungsmässig stehe, aber ich fühle mich heute gut und freue mich auf einen meiner absoluten Lieblingsbergläufe: Grimpette des Bedjuis – 6,3 Kilometer Distanz und 960 Meter Steigung! Der Berglauf ist nicht sehr lang, aber sehr, sehr steil; was mir sehr liegt.
Mit dem Zug fahre ich ins Wallis und lasse mich von der stimmungsvollen Morgendämmerung mit Bergsicht auf den Lauf einstimmen.
Schon beim Einlaufen merke ich, dass ich heute gute Beine habe. Auch das Wetter ist für den Wettkampf sehr angenehm: Bewölkt und trocken, nicht zu warm und nicht zu kalt. Gerade richtig.
Da ich den Lauf bereits 5-mal gewonnen habe und in einer Woche bereits meinen 40. Geburtstag feiern darf, verspüre ich keinen Druck, ein Topresultat abliefern zu «müssen». Ich habe nichts zu verlieren – im Gegenteil – ich kann nur gewinnen. Ich hatte schon so viele schöne Läufe gemacht und tolle Resultate erzielt, dass jedes weitere gute Resultat an einem Lauf für mich eine Zugabe ist.
Das bedeutet natürlich nicht, dass ich mich zurücklehne – heute will ich nochmals Vollgas geben!
Der Startschuss fällt um 10.00 Uhr im Tal in Riddes. Den ersten Kilometer des Berglaufs nehme ich locker unter die Füsse, da dieser durch das Dorf geht und nur leicht coupiert ist. Es hat viele junge Läuferinnen und Läufer, welche sehr schnell starten. Nach ein paar hundert Metern bin ich im Läuferfeld dadurch ziemlich weit hinten. Aber das beunruhigt mich nicht, denn ich weiss aus Erfahrung, dass man an diesem steilen Berglauf seine gute Performance nicht auf dem ersten Kilometer verspielen darf und daher nicht zu schnell starten sollte. Zu schnelle Starts rächen sich auf den folgenden steilen Kilometern mit klaren Tempoeinbussen!
Nach dem Dorf führt die Strecke nach einer Rechtsabzweigung in die erste richtige Steigung, welche anschliessend in die steinigen Serpentinen Richtung Bergdorf Isérables führt.
Nach dem ersten «lockeren» Kilometer konzentriere ich mich auf den steilen Aufstieg über den Serpentinenpfad, wo ich anfange zu überholen. Der Naturweg ist steinig und nicht sehr breit, was das Überholen etwas erschwert und Kraft kostet. Nach einer Weile bin ich im Läuferfeld, welches sich nun ziemlich auseinandergezogen hat, tempomässig richtig «eingereiht».
Nach dem Aufstieg über den Serpentinenweg folgt ein längerer, aber nicht minder anstrengender Abschnitt auf der Strasse Richtung Bergdorf Isérables. Ich versuche ein schnelles, aber nicht zu schnelles Tempo anzuschlagen, so, dass ich für den letzten extrem steilen Kilometer (im Schnitt 30%!!) noch Reserven habe.
Durch das Dorf Isérables zu laufen ist sehr motivierend, da überall am Strassenrand Zuschauer stehen, welche einen anfeuern. Als ich bei der Zwischenwertung vorbeirenne, wird angekündigt, dass ich die führende Läuferin bin. Den Überblick, an welcher Position ich mich befinde, hatte ich bis jetzt nicht. Ich freue mich natürlich über dieses Zwischenresultat und bin total motiviert, es zu halten.
Als ich mal einen Kontrollblick nach hinten mache, sehe ich keine Verfolgerin in nächster Nähe. Ich bin sehr locker unterwegs – fast ein wenig zu locker; um einen Becher Wasser zu trinken halte ich beim Verpflegungsposten sogar an, das mache ich sonst nie und eigentlich hat man an einem Wettkampf auch keine Zeit für sowas (vor allem dann nicht, wenn es um den Sieg geht)…
Anschliessend steche ich gestärkt in den berühmtberüchtigten letzten Kilometer. Ich laufe flüssig und renne meistens. Nur bei den gefühlt «überhängenden» Abschnitten nehme ich lange, dynamische Marschschritte, weil es im Endeffekt schneller ist. Ich schaue nochmals zurück, ob ich von einer schnellen Läuferin verfolgt werde, aber ich habe den Überblick nicht, da sich auf dem letzten Kilometer die Läufer mit den 30 Minuten früher gestarteten Walkern vermischen.
Ich bin schnell unterwegs, aber ich laufe nicht am Anschlag. Kein einziges Mal habe ich auf meine Stoppuhr geschaut, aber mein Gefühl sagt mir, dass ich eine gute Zeit laufe.
Meine guten Beine tragen mich heute zum 6. Sieg bei Grimpette des Bedjuis über die Ziellinie. Ich laufe eine schnelle Zeit von 50:38 und bin einfach nur happy, dass ich eine Woche vor meinem 40. Geburtstag eine solche tolle Zugabe in meiner Berglaufkarriere erleben darf! Es ist unglaublich!
In den folgenden Jahren habe ich Grimpette des Bedjuis bereits gewonnen:
2012 in 52:30
2013 in 50:31
2015 in 48:41
2016 in 48:31 meine persönliche Rekordzeit
2024 in 51:42
Nachbemerkung: Im Wallis hat es «an jeder Ecke» einen Berglauf. Vielfach machen die Clubs und ganze Familien mit, was wiederum dazu beiträgt, dass nicht nur ein toller Event stattfindet, sondern auch die Freude am Sport und an der Bewegung in der Natur gefördert werden. So werden auch Talente entdeckt. Es ist daher kein Zufall, dass erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler aus dem Wallis kommen.











Den tollen Siegerpreis, gesponsert vom ehemaligen Schweizer Spitzenathlet Tarcis Ançay, habe ich gleich anprobiert 🙂 An dieser Stelle: Vielen Dank!!
You did it again: der sechste Sieg bei La Grimpette! Damit bist Du mit Abstand Rekordsiegerin bei diesem Walliser Berglaufklassiker. Am zweitmeisten Siege weist Isabelle Florey auf, die dreimal gewann. Es gibt wohl kein Rennen, das dir besser liegt. Und nicht zu vergessen: Hier gelang dir 2016 der grösste Sieg in deiner Karriere. Damals überholtest du auf dem supersteilen Schlusskilometer die Britin Sarah Tunstall, die zu jener Zeit zur absoluten Weltspitze im Berglauf gehörte. – Bravo, „Miss Isérables“, and – why not: Do it again!