Nach einer längeren Wettkampf- und Trainingspause wage ich es wieder, einen Berglauf zu bestreiten.
Ich hatte schon letztes Jahr die Idee, nach zwanzig Jahren wieder einmal einen der härtesten Bergläufe zu machen: Den Inferno Halbmarathon von Lauterbrunnen aufs Schilthorn – 21,097 km und unglaubliche 2’170 Meter Höhendifferenz!
Im Jahr 2004, einen Monat vor meinem 19. Geburtstag, laufe ich zum ersten Mal überhaupt einen Berglauf (vorher bin ich unregelmässig Velo gefahren, sporadisch Joggen gegangen und habe Rock ‘n Roll getanzt) und laufe dabei ausgerechnet den Inferno Halbmarathon. Wie es dazu kam? – Mein damaliger Pate und späterer Trainer Hansruedi Bühler war «schuld». Früher hatte er Radrennen bestritten und später machte er Läufe. Da wir uns gut verstanden und beide sportlich waren, haben wir auch zusammen trainiert. Mich hat es sofort gepackt mit dem Laufen und vielem Velofahren. Er merkte, dass ich mit relativ wenig Trainingsaufwand eine starke Performance erreichte. Ich konnte viel von ihm lernen.
Dann war es so, dass er im 2004 für den Inferno Halbmarathon trainierte. Ich ging jeweils mit und trainierte von nun an auch am Berg. Ich hatte aber bis jetzt noch kein konkretes Ziel und wäre selber auch nicht auf die Idee gekommen, Bergläufe zu bestreiten. Ich kannte das gar nicht.
Einen Tag vor dem Inferno fragte er mich, ob ich auch laufen wolle. Die Idee war ursprünglich, dass ich für den Inferno Halbmarathon keine Startnummer löse, sondern die Strecke nur als Training ablaufe und oben zuschauen sollte – es kam jedoch anders. Das Wetter war für den Wettkampftag nicht so gut prognostiziert und daher nicht so praktisch für mich, so damals Hansruedi, ich solle doch besser gleich selber laufen, dann könne ich über die ganze Strecke von der Verpflegung profitieren und wenn etwas unterwegs passiere, habe es Streckenposten. Er traute es mir zu und da ich auf das Schilthorn gespannt war, kam es dazu, dass ich mich dafür entschied.
Er begleitete mich und wir liefen den Inferno Halbmarathon im «gemütlichen» Trainingstempo. Das Wetter war damals schlecht und der Start wurde um 45 Minuten verschoben, wegen eines Gewitters. So unbeständig und unberechenbar ist es in den hohen Bergen. «Der Berg ist immer stärker als der Mensch» – das ist ein Satz, der mich seit der ersten Teilnahme an diesem eindrücklichen Berglauf begleitet. Nicht nur das Wetter kann plötzlich umschlagen und zu bedrohlichen Situationen führen, auch muss man seine Kräfte gut einteilen, seinen Körper gut kennen und einschätzen können, damit man gut auf dem Gipfel ankommt. Ich bin damals mit einer Zeit von 3:02:29 als 22. Läuferin auf dem Schilthorn Piz Gloria angekommen, war von der Bergwelt total fasziniert, nach 5 Minuten völlig erholt und wusste: Berglauf – das will ich machen!
Kurze Statistik (Overall-Resultate) meiner Teilnahmen am Inferno:
2004 22. Rang in 3:02:29
2005 13. Rang in 2:55:28
2006 5. Rang in 2:45:59 (meine persönliche Bestzeit)
2008 6. Rang in 2:52:07
2009 7. Rang in 2:47:01
Nun will ich dieses Jahr den Berglauf mit den vielen Höhenmetern und der vielseitigen Strecke mit eindrücklicher Kulisse unbedingt machen – auch aus emotionalen Gründen, im Sinne: «Back to the roots».
Übrigens – warum ich den Inferno-Halbarathon nach 2009 nie mehr gelaufen bin – im 2010 war ich am Wettkampftag krank und im Herbst im selben Jahr zog ich mir eine Fussverletzung zu, sodass ich mehrere Monate weder Wandern noch Joggen konnte. Da das Rückfallrisiko zu hoch war, joggte ich überhaupt nicht mehr. Ich konnte aber eines wieder trainieren: Das Velofahren. Ich fuhr also Velo und erhielt meine Fitness auf diesem Weg. Ich habe das Lauftraining damals wieder aufnehmen können, jedoch sehr reduziert. Seit 2011 trainiere ich vorwiegend auf dem Velo und gehe pro Woche nur 2x Joggen. Weil ich nur reduziert Joggen kann, mache ich seither kürzere Läufe. Der Inferno-Halbmarathon war somit für mich vorläufig gestrichen.
Zurück ins Jahr 2026. Wie schon erwähnt, hatte ich eine längere Trainings- und Wettkampfpause hinter mir, als ich das Training wieder aufnahm. Ich merkte jedoch sogleich: «Doch, es geht wieder ziemlich flott und es macht vor allem Spass!». Bald nahm ich die Idee mit dem Inferno-Halbmarathon wieder auf, die ich letztes Jahr schon hatte, jedoch nicht umsetzte. Mein Trainer aber rät mir unbedingt davon ab, da ich für so einen langen und harten Lauf einfach viel zu spät angefangen habe zu trainieren. Er hat absolut recht, denn mir fehlt es an Allem: Ich habe weder die Länge, die Höhenmeter, die Höhe noch das Tempo oder die Flachstücke genügend trainiert!
Ich aber, sturer Bock, habe mir die Idee in den Kopf gesetzt und bin völlig Feuer und Flamme dafür, sodass ich trotz der schlechten Voraussetzungen an der Idee festhalte. Ich versuchte, mich in dieser kurzen Zeit bis zum Wettkampftag so gut wie möglich vorzubereiten, mit dem Wissen, dass es, so gesehen, ein Experiment sein würde. Es war bis eine Woche vor dem Wettkampftag für mich nicht 100%ig sicher, ob ich dann auch tatsächlich starten kann. Und: Es ist immer noch so, dass ich pro Woche maximal nur 2 Lauftrainings absolvieren kann!
Früh morgens nehme ich den Zug und fahre nach Lauterbrunnen. Das ist übrigens mein Heimatort. Lauterbrunnen – ein sehr schönes und beliebtes Bergdorf inmitten eindrücklicher Natur. Von hier aus hat man vielfältige Möglichkeiten, in die faszinierende Bergwelt einzutauchen.
Vor dem Start bin ich sehr nervös, da ich grossen Respekt vor diesem Berglauf habe. Ich laufe mich vorher etwas ein, aber nicht zu viel, da ich heute ziemlich lange rennend unterwegs sein werde.
Mit viel Enthusiasmus und einer grosse Prise Verrücktheit starte ich um 9.30 Uhr beim Camping Lauterbrunnen mit vielen anderen begeisterten und «verrückten» Bergläuferinnen und Bergläufern – Let’s rock the Mountains!
Der erste Kilometer zieht sich vom Camping bis zum Dorf Lauterbrunnen auf asphaltierter Strasse und ist mehr oder minder flach. Auf der Höhe des Bahnhofs zweigt die Strecke links ab und von da an steigt es bis Grütschalp (Kilometer 7). Zuerst folgt man einer breiten Naturstrasse und sticht dann auf einen Waldpfad mit Wurzeln. Kommt man aus dem Wald heraus, verläuft die Strecke über eine Matte. Bis Winteregg (Kilometer 9) steigt es kaum merklich, es ist gefühlt flach.
Von Winteregg bis Mürren und durch das Dorf «brettert» man mehr oder weniger 4 flache Kilometer über einen Naturweg (entlang der Wintereggbahn) und durch das Dorf dann wieder auf asphaltierter Strasse. Mich überholen auf dem langen Flachstück ein paar Läuferinnen und Läufer. Das gute ist, dass ich keinen Erfolgsdruck habe, da ich in dem Sinne heute «nicht wettkampftauglich» bin und somit völlig frei bin. Ich laufe heute nur für mich, weil ich diesen Berglauf faszinierend finde und ich ihn nach so langer Zeit endlich wieder einmal machen wollte.
Eingangs Mürren feuert mich mein Trainer Hansruedi Bühler an. Später im Dorf rufen mir Danisha und mein Vater zu – ich bin elektrisiert und freue mich riesig über den Support! Mein Vater ruft mir zu, er habe mir noch ein Sandwich – ich muss laut lachen, trotz Anstrengung 😊


Nach der Dorfschlaufe kommt der bittere Ernst, so zu sagen ein langer Vertical: Ab Kilometer 13 steigt es brutal – bis aufs Schilthorn sind auf rund 8 Kilometer noch sage und schreibe 1’330 Höhenmeter zu bewältigen. Wenn man bedenkt, dass es nach der Schilthornhütte noch einen flachen Abschnitt mit Abstieg hat…(hat jemand schon mal diese Steigungsprozente ausgerechnet?!?)
Habe ich schon mal erwähnt, dass es heiss ist? Diesen Sommer zieht sich das sonnige, trockene und unglaublich heisse Wetter in die gefühlte Unendlichkeit. Man musste schon im Vorfeld jeden Tag genug trinken und etwas isotonisches zu sich nehmen, damit man nicht schon mit einem Defizit am Berglauf startet.
Auch heute ist es heiss und man sollte möglichst bei jedem Verpflegungsposten etwas trinken. Das tue ich auch. Ebenfalls trage ich einen Getränkegurt mit 2 kleineren Flaschen. Trotzdem habe ich bereits ab Mürren Krämpfe in den Waden und an den Füssen. Dies bessert leider nicht. Ich laufe die ganze 2. Hälfte mit Krämpfen. Ich habe das Glück, dass die Wadenmuskulatur nicht komplett verkrampf und zumacht, sodass ich trotzdem noch laufen kann, auch wenn es beschwerlich ist. Meine Diagnose: Die Ursache der Krämpfe ist eine Mischung aus Untertraining, Hitze und Begünstigung von Krämpfen wegen Fussfehlstellung.
Trotz der Umstände laufe ich «meinen Stiefel» mit Euphorie und Überzeugung: Im optisch überhängenden, so genannten «Kanonenrohr» komme ich ins Flow. Es ist so unfassbar steil, dass es einem schwindlig werden könnte! Bis zur Schilthornhütte überhole ich tatsächlich noch eine Läuferin, trotz Krämpfen. Auf dem Abstieg nach der Schilthornhütte laufe ich naturgegeben etwas schneller, nachdem ich es mir kaum mehr gewöhnt bin…Überraschenderweise überhole ich hier noch eine weitere Läuferin.


Weil es weder Nebel noch Wolken hat, sieht man das Schilthorn mit dem Ziel schon von Weitem und auch meine Supporterin Daniela, welche mich anfeuert 😊. Doch der Schein trügt: Die Laufstrecke führt über eine felsige, alpine Landschaft, sodass man teilweise grosse Tritte nehmen – was sehr viel Kraft braucht – und bei manchen Stellen sich fast auf allen Vieren «raufziehen» muss (das erinnert eher ans Klettern). Der letzte Kilometer ist dadurch sehr anspruchsvoll und man braucht viel länger, als man annimmt, zumal man hier schon so viel Kraft und Energie liegengelassen hat.

Und jetzt noch das Beste: Die letzten 500 Meter. Diese sind auf einer Tafel gross angeschrieben, so, als könnte man hier noch den Schlussspurt ansetzen! Wer jetzt denkt, er sei in Kürze im Ziel, der kennt das Schilthorn noch nicht. Es hat enorm steile Treppenstufen, man muss über felsige Stellen grosse Tritte nehmen und der Rest der Laufstrecke führt über eine anspruchsvolle Steinlandschaft, welche ich mit letzter Kraft bewältige. Ich kann nur sagen: Es sind die mit Abstand härtesten und längsten 500 Meter eines Berglaufs, die ich kenne!! Und genau solches juckt mich an diesem unglaublichen Berglauf!

Als ich oben im Ziel ankomme, warten schon Danisha und mein Vater auf mich, rufen mir zu und ich realisiere nach euphorischen 2 Stunden 48 Minuten, dass ich es nun tatsächlich geschafft habe und im Ziel angekommen bin! Fazit: Heute bin ich vor allem mit dem Kopf gelaufen, denn die Beine hatte ich definitiv nicht dazu!! Und: Ich bin einfach nur glücklich und wie das erste Mal hier oben – unglaublich fasziniert!


Mit meiner – trotz allen Umständen – starken Laufzeit werde ich Overall 9. Frau. Erstaunlicherweise sind nur 24 Läufer schneller als ich.
Rangliste der Top 10:
- 2:27:48 Rutto Valentine
- 2:32:18 Kreuzer Victoria
- 2:33:58 Iseli Rea
- 2:36:05 Fischer Michèle
- 2:38:48 Wälti Nadin
- 2:44:03 Kessler Nadja
- 2:46:57 Mackner Daniela
- 2:47:43 Klingler Nicole
- 2:48:46 von Allmen Tatiana
- 2:49:16 Katz Eva
Bemerkung zur Rangliste: Die Besetzung bei den Frauen war heute sehr stark. Es gewinnt eine schnelle Kenianerin vor den beiden Profisportlerinnen Victoria Kreuzer und Rea Iseli aus der Schweiz. Die starke Vorjahressiegerin Nadin Wälti wird heute in dem Sinne «nur» 5. Und: Heute sind sage und schreibe 20 Läuferinnen unter 3 Stunden aufs Schilthorn gelaufen– stark!
Bemerkung zum Lauf: Der Inferno-Halbmarathon fasziniert nicht nur wegen der Länge, der vielen Höhenmeter und der Tatsache, dass es einer der härtesten Bergläufe ist, sondern vor allem auch wegen der unglaublichen Bergwelt, welche durch den Lauf nahbar wird! Es ist ein einmaliges und unvergessliches Erlebnis. Die Ruhe und Abgeschiedenheit in dieser Höhe ziehen einen magisch an und die Gedanken drehen andere Kreise als im Tal. Die Bergewelt ist eine eigene Welt mit eigenen Gesetzen. Was im Tal unten wichtig scheinen mag, ist in den Bergen unwesentlich. Wie gesagt: Der Berg ist immer stärker als der Mensch.
Ein grosses MERCI geht an: Meinen Vater Martin, Danisha, Daniela und Hansruedi. Danke für eure Unterstützung!





















































































